Januar Serie
Winterfreuden in der Bornstraße

Wackernheimer Kalender Geschichten. Ein kleiner Griff in die reiche Historie einer Ortschaft, die älter als 1260 Jahre ist.

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Landfrauenverein Wackernheim

Der Landfrauenverein Wackernheim hat kürzlich sein 50jähriges Bestehen feiern können. An jeder Kerb und sonstigen besonderen Anlässen begeistern uns unsere Landfrauen mit hervorragenden selbst gebackenen Kuchen, sie organisieren Dinge im Hintergrund, sie helfen, sie sind einfach da, wenn sie gebraucht werden. Den Wackernheimer Landfrauen gebürt an dieser Stelle unser ganz besonderer Dank. Wenn Sie mögen, sind Sie jederzeit herzlich bei den Landfrauen willkommen.

Bereits 1985 stellen die Landfrauen auf der Wackernheimer Kerb aus

Foto: Bereits 1985 stellen die Landfrauen auf der Wackernheimer Kerb aus.

Mit folgendem Vortrag, gehalten auf ihrer Feier im November 2016,  blickt Elisabeth Paridon auf 50 Jahre Landfrauenverein in Wackernheim zurück:

50 Jahre Landfrauenverein Wackernheim ist ein stolzer Zeitrahmen

Der Hintergrund der Gründung des Landfrauenvereins durch die hauptsächliche Initiative von Frau Weitz war die Zusammenlegung der Landwirtschaftsschulen im heutigen Kreis Mainz-Bingen.

Die Ingelheimer Landwirtschaftsschule wurde aufgelöst und die jungen Mädels aus der Landwirtschaft besuchten ab Mitte der 60er Jahre die Schule in Mainz. Frau Weitz verlor somit Einfluss in den bäuerlichen Betrieben.

Jeder, der sie als Lehrerin oder Beraterin kannte, wusste um ihren enormen Durchsetzungswillen, ihr Wissen in der modernen Hauswirtschaft weiter zu geben. Diese Möglichkeit boten die Landfrauenvereine mit Ihrem Programm nach Schließung der Ingelheimer Schule. Die Beratungsstelle bestand noch bis zu ihrem Ruhestand.

Die Landfrauen im bäuerlichen Bereich konnte sie nur noch über die vielen Veranstaltungen des Landfrauenverbandes im Winter erreichen. Das Ziel hat sie auch erreicht mit den Gründungen der Ortsvereine.  Besonders zu erwähnen sei:

Frau Weitz achtete auf ein hohes Bildungsniveau bei allen Veranstaltungen.

In dieser Zeit wurden die Gründungen  der Landfrauenvereine noch durch den Bauernverband unterstützt. Mit dem damaligen Kreisvorsitzenden des Bauernverbandes, ihrem Vetter Fritz Gaul, hatte sie auch einen starken Verbündeten.

Diese Unterstützung war in den Gründungszeiten auch notwendig, da das Verständnis von Frauen auf dem Lande nur mit dem Beruf Bäuerin verbunden war, und die Mitgliederzahlen noch auf diese Berufsgruppe beschränkt waren, z.B. wir hätten nie eine Busfahrt machen können ohne die Mitwirkung des Bauernvereins. Man sollte auch noch erwähnen, dass die städtischen Hausfrauenvereine zur Gründungszeit unseres Vereins noch sehr stark waren.

Im November 1966 trafen sich die Gründungsmitglieder unseres Vereins im großen Raum der Wirtschaft Hammer im 1. Stock beim Käthchen. An diesem Abend gab Frau Weitz einen Einblick in die Landfrauenarbeit. Der Vorstand wurde gewählt und die Winterarbeit begann. Der Vorstand bestand am Anfang aus 3 Mitgliedern.

In den 19 Jahren, in denen ich die Vorsitzende war, hatte ich einige Zeit Frau Margot Nelgen, später Helga Speth und Anneliese Stapf als 2. Vorsitzende an meiner Seite. Martha Müller war Schriftführerin und Kassiererin, später kamen Katharina Weinhold und Lilly Speth dazu. In dieser Zeit wechselte auch die Schriftführung von Martha Müller zu Lilly Speth.

Wenn man das Berichtsheft aus diesen Jahren durchsieht, erkennt man deutlich die besondere Einstellung zur Vereinsarbeit. Wir waren allen Anfänger in der Vereinsarbeit und sind mit der Zeit erst richtig hinein gewachsen. Heute schreibt man die Nachrichten und Mitteilungen auf einem Computer und druckt die benötigte Anzahl aus. Fehler kann man einfach korrigieren.

Mein Arbeitsgerät war eine Reiseschreibmaschine. Von jedem Vorgang waren 5 Durchschläge zu machen. Fehler waren nicht so einfach aus zu merzen. Wir hatten aber die Unterstützung der Gemeinde und besonders des Schulleiters, Herrn Piasta. Die Räume der Schule konnten wir ohne Miete nutzen. Auch im Evangelischen Gemeindehaus haben wir Feste gefeiert. Die ersten Weihnachtsfeiern fanden aber beim Käthchen statt.

Die wichtigsten ersten Kurse, die wir im Verein umsetzten, war der Schwimmkurs im Ingelheimer Hallenbad. Besonders zu erwähnen sei auch der Krankenpflegekurs, den wir in der Sozialstation nach deren Gründung absolvierten. Die Grundkenntnisse aus diesem Kurs haben mir persönlich besonders geholfen bei der späteren Versorgung meines Schwiegervaters.

Nicht nur praktisches Kochen in den Küchen von unseren verstorbenen Mitgliedern Maria Hammer und Mariechen Kloos, auch Reifenwechsel beim Auto stand auf dem Programm. Die jährlichen Theaterbesuche in Mainz und Wiesbaden müssen erwähnt werden.

Ganz besondern möchte ich in meinem Rückblick Frau Elfriede Michel hervor heben. Sie war das Herz unserer Bauernmalerei und zusammen mit ihrer Freundin Frau Schäfer brachte sie uns die Hessen- und Hardanger Stickerei nahe. Es gibt so viele wunderschöne Tischdecken, Deckchen und Läufer in unseren Häusern. Mit der Hardanger Stickerei nahmen wir auch auf den Landfrauen-Markt in Ober-Hilbersheim teil.

Besonders zu erwähnen sei auch die Ausstellung und der Kaffee an der Kerb. Einen Hinweis an den Vereinsring: “Die Landfrauen wollten als erster Verein mit einer Ausstellung im Rathaus die Kerb beleben”. Diese Idee kam von Helga Speth. Umsetzen konnten wir sie aber nicht, da in diesen Jahr zur Kerb eine Wahl stattfand. Die Wackernheimer Bürger wählten damals noch alle im Rathaus. Herr Piasta bot uns die Schule für die Ausstellung an. Aber der Weg vom Kerbeplatz zur Schule war zu weit, so dass wir diese Aktivität auf die nächste Kerb verschoben. Im Jahr darauf setzten wir diese Idee um. Im Kaffeebereich hatten wir die Schultische zur Verfügung und im Büro des Bürgermeisters die Ausstellung mit unseren Handarbeiten und der Bauernmalerei. Die Mitglieder backten ihre besten Kuchen und Torten. Bis zum Anschnitt wurden sie bei Frau Biron im Kühlschrank aufbewahrt.

Es wäre noch viel mehr aus meinen 19 Jahren Vorsitz zu berichten, aber alle Mitglieder, die von Anfang an dabei waren und später zu unserem Verein kamen, wissen um die vielen Info- und praktischen Veranstaltungen während der Wintermonate.

Danke möchte ich sagen an Frau Margot Nelgen, Frau Helga Speth, Frau Anneliese Stapf und den Vorstandsmitgliedern in diesen 19 Jahren, die immer mit guten Ideen die Vereinsarbeit belebten. Gleichzeitig aber auch Dank an den Kreislandfrauenverband des ehemaligen Kreises Bingen und dem rheinhessischen Verband, die mit ihrem Programmangebot das Vereinsleben interessant machten. Ohne diese Vielfalt hätte der Verein keine 50 Jahre Vereinsleben geschafft.

Zum Schluss möchte ich aber auch noch erwähnen, dass ich während meiner Zeit im rheinhessischen Verbandsvorstand einmal die Mitarbeit verweigerte. Frau Raether, die Vorsitzende des Verbandes warb 1970 um Unterschriften für das damals geplante Atomkraftwerk Biblis und wir sollten auch in den Vereinen werben. Ich war zwar noch sehr jung, als die erste Atombombe fiel, aber kannte aus dem Schulunterricht die Auswirkung und späteren Folgen, so dass aus Wackernheim keine Unterschriften kamen. Heute wissen wir alle um diese Apokalypse. Tschernobyl und Fukushima sind ein warnendes Beispiel.

Durch den deutschen Landfrauenverband und über die evangelische Kirche in Niedersachsen habe ich 1973 an einem Austausch mit einer Frauenvereinigung in Michigan teilnehmen können und Freunde bis heute gefunden. Meine Austauschpartnerin wird in diesem Monat 90 Jahre alt. Der Mut zum Austausch hat mir viel gebracht und dafür bin ich auch dankbar.

Ich war sehr froh, dass nach 19 Jahren mit Anneliese Stapf eine sehr emsige Landfrau den Vorsitz übernahm. Mir ging es in dieser Zeit gesundheitlich nicht sehr gut. Als ich mich erholt hatte, stieg ich wieder ins Berufsleben ein. Durch viele Fortbildungsmaßnahmen des Verbandes, die ich nutzte, hatte ich mich gut vorbereiten können auf meinen neuen Lebensabschnitt. Es war der richtige Schritt.

Nochmals vielen Dank an alle Mitglieder, Vorstandsmitglieder des Landfrauenvereins Wackernheim und den Verband für die gute Begleitung und Hilfe in diesen 19 Jahren als Vorsitzende. Ich wünsche dem Verein weiterhin ein erfolgreiches Bestehen und neue Mitglieder, die die Arbeit der Idee: “Frauen auf dem Lande” fortführen.

Elisabeth Paridon, Wackernheim, 6.11.2016

 

mit freundlicher Genehmigung von Elisabeth Paridon