Januar Serie
Winterfreuden in der Bornstraße

Wackernheimer Kalender Geschichten. Ein kleiner Griff in die reiche Historie einer Ortschaft, die älter als 1260 Jahre ist.

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Wackernheimer Kalender

Januar 2017

Einen Höhenunterschied von 100m muss überwinden, wer Wackernheim von Heidesheim kommend aufwärts durchwandern will. Hat er etwa die Hälfte der Strecke geschafft, kommt er, sich an der Straßengabelung nach links orientierend auf den “Dalles”, den Dorfplatz. Wer weiß heute noch, dass die Bezeichnung “Dalles” dem Französischen entlehnt ist und “Steinplatten” bedeutet. Solche Steinplatten dürften früher eigentlich nur den Hauptplatz eines Dorfes befestigt haben. Der Einbahnstraße nun entgegen gehend, an der Bushaltestelle vorbei, kommt man unweigerlich in die Bornstraße, die man allgemein als die älteste Straße Wackernheims bezeichnet..

Das Kalender Motiv Januar

Es stammt aus dem Archiv von Waltraud Vogt und zeigt die ersten 100 m der Bornstraße bevor diese in die Kirchstraße einmündet. Das Bild stammt aus den 30er Jahren und wurde einst aufgenommen vor dem Eingang der Bornstraße Nr. 6. Man erinnert sich an strenge und lange Winter mit reichlich Schnee auf geschotterter Straße und viel Schlittenspaß für eine teilweise große Kinderschar. An Jahre, in denen der Rhein zu gefroren und Eltville fußläufig zu erreichen war. Die eventuell vorhandenen 1-PS fanden Platz im warmen Stall.

Die Bornstraße heute

Gleicher Blickwinkel im Jahr 2016, das Foto wurde aufgenommen am 30. Dezember. Winter hat (noch) nicht stattgefunden, Fußgänger sind kaum zu entdecken, vor jedem Haus steht mindestens ein motorisiertes Vehikel, die Agrarwirtschaft ist eingeschränkt, das Pferd im Stall verschwunden. Der Rhein ist Schiff technisch befahrbar, führt jedoch wenig Wasser. In diesem Abschnitt der Bornstraße haben weitreichende Veränderungen stattgefunden, auf die wir im Anschluss zu sprechen kommen werden.

Die Achse Bornstraße, einstige “Pfarrscherbel” bis zur Mitz Mühle

Diese Achse war wohl der einstige Dorfmittelpunkt des Mühlendorfes Wackernheim, überragt von St Martin und gekennzeichnet durch 4 wie an einer Schnur aneinander

gereihte Mühlen entlang der heutigen Mühlstraße. Heinrich Esch, der Wackernheimer Mundartdichter schrieb bereits vor 70 Jahren: “Mei Heimat dat ich so skizziere, im Loch lag’s drin von 100 Johrn”. Mehr dazu im nächsten Kapitel.

Was hat sich geändert und welche Geschichte steckt hinter den Gebäuden, die auf dem historischen Foto abgebildet sind?

Hofreite Bornstraße 1

Um 1350 erbaut, wird es beschrieben als ein gehobenes Bauernhaus des späten Mittelalters. Es besitzt eine für das mittelalterliche Wackernheim typische Form eines bäuerlichen Anwesens.. Erwähnenswert die fränkische Gestaltung des Hofeingangs. 1719 wird das Gut in den Schatzungslisten der Hofkammerräte Hiermeyer und Weber als “Ansehnliches Anwesen der Steuerklasse I” eingestuft. In Wackernheim gab es nur 3 solcher Bauernhöfe. In einer Zeit, als Frankreich Großmacht in Europa war, erlebte dieser Hof seine Blütezeit als bäuerliche Reminiszenz.

Wer im Laufe der Jahrhunderte seine Besitzer waren, läßt sich relativ lückenlos nachvollziehen:

  • 1354 kommt der Hof aus dem Restbesitz des ehemaligen Klosters Bleidenstadt in die Hände des Grafen Gerlach von Nassau
  • 1400 Hof und Grundbesitz (35 Morgen) gehen als Lehen an Karl von Engelstadt.
  • 1457 belehnt Adolf von Nassau Emmerich von Engelstadt, den Sohn Karls von Engelstadt. Emmerich von Engelstadt war von 1469-1484 Schultheiß von Wackernheim und zugleich Mitglied des Adelsgerichts. Aus dieser Zeit stammt auch das Wackernheimer Haderbuch. Das Original liegt im Ingelheimer Stadtarchiv und wartet auf Übersetzung aus dem Mittelhochdeutschen.
  • 1485 wird der Hof in ein Erblehen für alle Zeiten umgewandelt (Philipp der Grawe von Nassau).
  • 1619, der 30jährige Krieg zeigt Auswirkungen, Wackernheim wird erstmals von den spanischen Truppen Spinolas heimgesucht. Das Hofgut wird stark zerstört. Dachstuhl und Scheune brennen aus.
  • 1649, der Westfälische Friede ist geschlossen, erwirbt die Familie Beckmann das gebrandschatzte Hofgut und baut es wieder auf.
  • 1719, das Hofgut erreicht eine Blütezeit und wird in den kurfurstlichen Schatzungslisten als ansehnliches Anwesen eingestuft.
  • 1840 wird ein Stall mit kreuzgewölbter Decke gebaut.
  • 1850 geht die Ära Beckmann als Besitzer dieses Hofguts zu Ende. 200 Jahre war dieses Anwesen in ihrem Besitz und hat die napoleonische und nachnapoleonische Zeit mit vielen einschneidenden Änderungen gut überstanden. Es ist die Zeit in der sich Rheinhessen beginnt zur formieren.
  • 1860 kauft Familie Michel das Hofgut. Wann genau, ist nicht mehr exakt nachvollziehbar.
  • 1890 wird die Scheune teilweise abgerissen und wieder neu aufgebaut.

Im 19. Jahrhundert findet das Anwesen nicht mehr zu seiner ursprünglichen Blüte zurück. Es verfällt immer mehr in den Nachkriegsjahren und man denkt darüber nach, es ab zu reißen

In diesem Prozess der Umgestaltung und zum Erstaunen vieler Wackernheimer erwirbt C.-U. Mathes im Jahr 1991 das herunter gekommene Anwesen. Er nimmt ein “Häuslejahr” und baut die Gebäude originalgetreu wieder auf. Im Jahr 2002 erhält Mathes dafür den 1. Preis  für “Vorbildlich renovierte, Ortsbild prägende Bauten im ländlichen Raum”. Bei besonderen Anlässen öffnet Mathes die Tore für die Allgemeinheit. Doch lassen wir Claus-Ulrich Mathes selbst zu Wort kommen.

Heute bereits Kult – Lisbeth, die Frauenfigur vor der Bornstraße 1

1991 hat sie Claus-Ulrich Mathes mit gebracht. Die Bronzefigur in Frauengestalt, leicht nach vorne gebeugt und auf ein Geländer gestützt, hat sie den Dalles fest im Blick. Mit “Lisbeth” war für die Wackernheimer schnell ein Name gefunden. An den närrischen Tagen steht Lisbeth zuweilen als Protokollerin ihren Mann.

Das Dorfgemeinschaftshaus (DGH) steht auf historischem Grund

Im 18. Jahrhundert gab es einige stattliche Bauernhöfe in Wackernheim. Gegenüber dem Beckmann’schen Gut entstand um 1770 ebenfalls ein Bauernhof in beachtlicher Größe. Eigentümer einst ein geistliches Stift, unter napoleonischer Verwaltung wird die Liegenschaft 1803 eingezogen, 1805 privatisiert. Eine Familie Roos taucht als erster neuer Besitzer (1810) auf; 1826 erbt den Besitz der damalige Bürgermeister Heinrich Klippel, von 1846 – 1892 betreibt die begüterte Familie von Otto Krebs den Bauernhof. 1865 stellt Otto Krebs einen Bauantrag zur Errichtung eines Bullenstalles mit Kreuzgewölbe. Auch der Gemeindebulle fand dort einen Unterstellplatz. 1880 entstand noch eine Einfassungsmauer um einen Teil des heutigen Dorfplatzes, der seinerzeit noch zum Krebs’schen Anwesen gehörte.

Der Tod von Otto Krebs und sich anschließende wirtschaftliche Schwierigkeiten führten dazu, dass das Anwesen 1892 an die Gemeinde verkauft wurde. Durch Umbauten entstanden Schule, Kindergarten, Wohnungen für Lehrer. Der örtliche “Konsum” fand hier ebenfalls seine Wirkungsstätte. Der heutige Dorfplatz wurde als Schulgarten genutzt.

1976 mußte wegen des Ausbaus der K18 das alte Schulgebäude weichen, der Bullenstall blieb erhalten.

Das nebenstehende Bild zeigt den “Bullenstall” um 1980. Es gab vehement geführte Auseinandersetzungen darüber, was mit diesem Bauwerk geschehen solle. Interessengemeinschaften und Bürgerinitiativen stritten jahrelang ausgiebig über die Verwendung. Gemeinsam mit der Denkmalschutzbehörde kam es 1985 zu einer Einigung.

Zum Wohle der Dorfgemeinschaft und als Erweiterungsbau für die Feuerwehr entstand das Dorfgemeinschaftshaus. Das Projekt sah vor, die alten Baulichkeiten so weit als möglich zu erhalten, was auch geschehen ist.

Ein  Ortsunkundiger macht sich keine Vorstellung, mit welcher Vehemenz die Ansichten dieser und jener Partei vorgetragen worden sind. Einig war man sich in einer Sache: ein Zeichen zu setzen. So entstand die in Stein gehauene und in die Außenwand eingemauerte Figur eines Bullen, der auf die frühere Verwendung dieses Gebäudes hinweist.

Hofreite Bornstraße 3 – Alte Zehntscheuer

Es ist heute nicht mehr nachzuweisen, aber anzunehmen, dass der hl. Bonifatius auf seinen Missionsreisen, die man sich als Expeditionen vorstellen darf, mit Kriegern, Handwerkern und größerem Gefolge, als Freund Wackernheimer Adelsfamilien sich auch in Wackernheim aufgehalten haben kann. Bonifatius gilt ja als Gründer des Klosters Fulda und die Wackernheimer Adeligen schenkten dem Kloster Fulda eine Reihe von Erbteilen zur Erlangung kirchlicher Privilegien. Um 1350 gelangten diese Güter zum großen Teil durch Kauf und Tausch in den Besitz der Mainzer Domprobstei. Der “Zehnte” des Ertrages wurde eingezogen. 481 Morgen Wackernheimer Ackerland nannte die Domprobstei seinerzeit ihr Eigen. Lehnsleute waren damals die Adligen von Steinebach und deren Erben von Jungenfeld.  1450 taucht die Zehntscheune, die heute verborgen im hinteren Teil der Bornstraße 3 zu finden ist, erstmals in den Urkunden auf. Horden von Kriegssöldnern unter schwedischem Befehl verwüsteten die Scheune um 1630. Von der Familie von Jungenfeld wurde sie um 1700 wieder aufgebaut. Heute erinnert das einst stattliche Gebäude nicht mehr an seine große Vergangenheit.

Eine historische, aber festive Straße

Wie keine andere Straße des Ortes wird die Bornstraße in die festlichen Aktivitäten der Gemeinde einbezogen. Zu erwähnen ist die Flaniermeile, die jedes Jahr anläßlich der Wackernheimer Kerb in dieser Straße eingerichtet wird, zu erwähnen ist das Fest des langen weißen Tisches oder wie hier abgebildet, die Bornstraße festlich geschmückt während der 1250 Jahrfeier im Jahre 2004.

Im Monat November kommen wir unter dem Thema  “Bekanntmachung am Donaubach” auf den hinteren Teil der Bornstraße zurück. Zu Recht wird die Bornstraße als die älteste Straße Wackernheims bezeichnet.